Ptahhotep und die Kunst des Hörens

Ägyptischer Schreiber; bemalter Kalkstein; 2613-2494 v. Chr., Louvre, Paris. Hintergrund: Hieroplyphen auf Peftjauneith; Rijksmuseum van Oudheden, Leiden.

Obwohl die Hieroglyphenschrift mit Thoth, dem Gott der Weisheit, assoziiert wird, ist seine Weisheit etwas ganz anderes als auf Büchergelehrsamkeit beruhender Scharfsinnigkeit. Thoths Weisheit ist die Weisheit des Herzens. Diese Weisheit konnte jedermann entwickeln.  Zum Erhalt dieser Weisheit ist nach Ptahhotep nur eines erforderlich: gut zuhören zu können.

Abb. 2
Thoth wird in der Gestalt eines Ibis oder eines Bavians dargestellt. Rijksmuseum van Oudheden, Leiden (Photo: Corina Zuiderduin)

Thoth und die ägyptischen Autoren

Thoth wurde als geistiger Wegbereiter der Autoren philosophischer und literarischer Werke angesehen, von grossen Wiesen wie Ptahhotep. Ptahhotep war beliebt, nicht nur seiner Weisheit wegen, sondern vor allem auch aufgrund seiner Haltung, seine Einsichten und Talente in den Dienst seiner Mitmenschen zu stellen. Jahrhundertelang war er, wie andere Weise, das inspirierende Vorbild für das ganze Land.

Ptahhotep schrieb einen der schönsten Weisheitstexte, die wir kennen. Obwohl einige tausend Jahre alt – seine Worte behalten ihre Bedeutung durch alle Zeit hindurch, auch heute noch. Der Text ist in vier Kopien aus der Zeit nach Ptahhoteps Leben bewahrt geblieben. Ptahhotep selbst lebte in der Zeit der fünften Dynastie, ca. 2400 v. Chr.

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Dieser prächtige Schreibköcher für Rietfedern ist mit farbigem Glas eingelegt. Aus dem Grab von von Tutanchamon. Ägyptisches Museum, Cairo ( Photo: Corina Zuiderduin )
Abb. 4
Von Thoth inspirierter Autor. Auf seinem Schoss liegt eine halb ausgerollte Papyrusrolle. Seine rechte Hand drückt eine Schreibpose aus, alsob er eine Rietfeder gebrauchen würde. Ägyptisches Museum, Cairo (Photo: Emy ten Seldam)

Hören

Nach Ptahhotep ist Hören eine der wichtigsten Eigenschaften, die man entwickeln kann. Ptahhotep widmet diesem Hören beinahe hundert Verszeilen. Eine gute Erziehung bestand nach ihm hieraus, dass ein Vater seinem Sohn das Hören beibrachte. Nun kann vielleicht gedacht werden, dass Ptahhotep zum Ausdruck bringen wollte, dass ein Kind tun muss, was sein Vater sagt, aber es ist anders gemeint. Eine gute Erziehung bedeutete, dass ein Vater seinen Kindern lehrte wie sie auf die Stimme ihres eigenen Herzen zu hören hatten, wie eine harmonische Einheit mit ihrem innersten Wesen herzustellen.

Das Herz ist in Ägypten die Quelle göttlicher Inspiration. Es ist der Sitz der Liebe, der Weisheit. Liebe und Weisheit gehen den Ägyptern zufolge immer Hand in Hand. Wenn man liebevoll helfen soll, ist auch die Einsicht nötig, wie dies am besten anzugehen ist. Liebevoll handeln ist weise handeln und umgekehrt. Weisheit verschafft die Einsicht, wie liebevoll, mit einfühlendem Verständnis zu handeln. Dies geht auch aus der Sprache der Ägypter hervor. Mer-ib und sem-ib drücken beide das Sentiment eines einfühlenden Verständnisses im Geiste der Nächstenliebe aus. Ib is das ägyptische Wort für „Herz“. Mer bedeutet „Liebe“ und Sem „Weisheit“.

Thoths Weisheit ist eng verbunden mit Maät, mit der kosmischen Harmonie. Es war Thoth, der Maäts Gesetze aufschrieb. Worin bestehen diese Gesetze von Maät?

Die Gesetze von Maät

Maät war der wichtigste Begriff im alten Ägypten. Jeder hatte gemäss Maät zu leben und zu handeln. Maät repräsentiert die kosmische Harmonie. Der Begriff bedeutet auch Wahrheit und Gerechtigkeit. Nach den Ägyptern besteht die ganze Natur aus lebenden Wesen, die alle miteinander zusammenarbeiten. Nicht nur Menschen, Tiere und Pflanzen sind lebende Wesen, darüber hinaus auch die Sterne, Planeten, Minerale und Atome. Die Materie, aus der Berge und das Land zusammengestellt ist, ist ebenfalls Leben. Materie ist nicht tot. Es gibt, den Ägyptern zufolge, nichts das nicht lebt. All diese Wesen sind auf dasselbe unendliche Lebensprinzip zurückzuführen. Sie sind deshalb im tiefsten Kern Eines. Es gibt zwischen all diesen Wesen indessen einen Unterschied in der Entwicklung. Es gibt Wesen, die weiter entwickelt sind und es gibt Wesen mit geringerer entwicklung. Alle diese lebende Wesen, wie klein oder gross auch immer, sind immer dabei, sich stets weiter zu entwickeln. Dies können sie nur gemeinschaftlich, miteinander ausführen.

Der tiefere Teil des Menschen, sein Herz, versteht diese Einheit und innere Verbundenheit mit allen Wesen. Dieses Teil handelt seiner Natur nach in Übereinstimmung mit dieser Harmonie, in Übereinstimmung mit Maät. Es ist das Teil im Menschen, das aufrecht, ehrlich und liebevoll ist. Auch Weisheit und Einsicht sind in diesem Teil zu finden, wie das Gewissen, das auch hierher gehört.

Abb. 5
Thoth zeichnet eine Straussenfeder, das Symbol von Maät. Zeichnung nach einem Fraugment aus dem Totenbuch von Ani.

Leitfaden

Das Herz ist, den Ägyptern zufolge, ein guter Leitfaden im Leben. Wer auf sein Herz hört, wird von selbst von anderen Menschen geliebt. Es geht gut mit den Menschen, wenn sie in Übereinstimmung mit der kosmischen Ordnung der Natur handeln.

Jemand, der nicht hört, wurde ein „Tauber“ genannt. Taubheit hatte im alten Ägypten nichts mit physischer Taubheit auszustehen, sondern „taub“ bedeutete taub sein im Verhältnis zu Maät. Ein Tauber ist jemand, der nur auf sein Ego hört und dadurch die Stimme des Sonnengottes nicht. Zugleich hört er auch seine Mitmenschen nicht. Ein Tauber schliesst sich vor seinem inneren Gott ab wie auch gegenüber seinen Mitmenschen. Ptahhotep umschreibt sowohl jemanden, der hört als jemand, der nicht hört, mit den folgenden Worten:

„Jemand, der als Hörer angesehen wird, dieser Sohn zeichnet sich vor anderen aus, seine Taten fallen auf, während das Scheitern dem folgt, der nicht hört.

                                   (…)

Der Tor, der nicht hört, kann überhaupt nichts. Er sieht Kenntnis in Unwissenheit, Brauchbarkeit in Schädlichkeit. Er tut alles was man verabscheut und wird dafür jeden Tag verantwortlich gehalten. Er lebt vom dem wodurch man stirbt. Seine Nahrung besteht aus Lügen.

                        (…)

Ein Sohn, der hört, ist ein Gefolgsmann des Horus. Es geht ihm gut, wenn er gehört hat.“

Abb. 6
Horus, der Falkengott, ist eine bildliche Darstellung des Höheren im Menschen. Auffallend an diesem Falkenkopf sind die menschlichen Ohren. Kalkstein, 12. Dynastie, ca. 1800 v. Chr. Ägyptisches Museum, München (Photo: Corina Zuiderduin)

Lehrer und Lehrling

Alle Weisheit und Einsicht ist gemäss den Vorstellungen der Ägypter im Menschen anwesend, muss aber aktiviert werden. So sagt der Ägypter Intef: „ Ich bin ein Wissender, der sich selbst Kenntnis durch Lernen erwarb, jemand, der Überdenkungen zu Maät in seinem Herzen anstellt.

Menschen konnten Hilfe erhalten, um ihre Einsichten zu erweitern. Das Studium von Texten aus der Vergangenheit konnte dabei ein Hilfsmittel sein. Doch wirkliche Weisheit kommt von innen. Worte, geschrieben oder gesprochen, können eine wichtige Rolle spielen, diese Einsichten zutage zu fördern.

Ein weiser Mensch inspirierte seinen Lehrling. Ptahhotep erzählt davon:

„Darf diesem Diener (Ptahhotep) aufgetragen wirden, einen ‚Stab des Altertums‘ (einen Nachfolger) zu machen um ihm die Worte zu sagen von denjenigen, die hörten

Und die Ideen der Vorfahren, die die Götter hörten.

Möge dies für dich getan werden, sodass der Streit zwischen Menschen verschwinden kann.

                        (…)

Unterrichte ihn sodann in den Weisheitssprüchen aus der Vergangenheit,

Sodass er ein Vorbild für die Kinder der Grossen werden kann.

Möge es ihm gegeben sein, das Hören bei ihm eintreten zu lassen. Und die Hingabe desjenigen, der zu ihm spricht,

Denn niemand wird weise geboren.“

Abb. 7
Die Ägypter gebrauchten die Worte ‚Sohn‘ oder ‚Tochter‘ nicht nur für ihre eigenen Kinder. Es war Usanz, Angehörige einer jüngeren Generation mit ‚Sohn‘ oder ‚Tochter‘ anzusprechen und Leute derselben Altersgruppe ‚Bruder‘ oder ‚Schwester‘ zu nennen. ‚Sohn‘ kannn auch Lehrling‘ bedeuten.
Gruppenbild von Meri-Ptah. Kunsthistorisches Museum, Wien (Photo: Corina Zuiderduin)
Abb. 9
Niemand weiss, wie Ptahhotep aussah. Dieser Schreiber hat keine Papyrusrolle auf seinem Schoss, sondern die Hieroglyphen stehen auf seiner Schürze. Nespaqasjuti, ca. 589-570 v. C Ägyptisches Museum, Cairo. (Photo: Emy ten Seldam)

Ptahhotep gibt an, dass er in einer Linie von Weisen steht, die zu früheren Zeiten zurückführt, zu „de Vorfahren, die die Götter hörten“. Seinerseits vermittelt er seine Einsichten denjenigen, die seine Nachfolge antreten werden. Ptahhotep nennt auch den Grund, aus dem Menschen geholfen wird, Weisheit weiter zu entwickeln: um den Streit zwischen und in den Menschen verschwinden zu lassen, um mit den erworbenen Einsichten und den entwickelten Eigenschaften zu Harmonie und Frieden beizutragen und um ihrerseits andere anzuspornen, auf die Stimme ihres Herzens zu hören. Am wichtigsten ist es ein Vorbild zu sein.

„Wenn ein gutes Vorbild vom dem, der leitet, gegeben wird, wird es Gutes bewirken auf immer.

Seine Weisheit wird sein durch allen Zeiten hindurch.“

Guter Hörer

Ein weiser Mensch ist derjenige, der die Eigenschaften seines Herzens in sich selbst zum Leben erweckt, im Sinn einer inneren Neugeburt. Ptahhotep drückt es wie folgt aus:

„Der Weise nährt seine ba (Seele), indem er in ihr Schönheit und  Güte wachsen lässt, sodass er froh damit ist auf Erden.“

Weisheit ist, nach Ptahhotep, immer relativ. Jemand handelt Maät-gemäss, wenn er nach seinen eigen höchsten Einsichten und nach seinem besten Wissen und Können handelt. Nach Ptahhotep sind dem Entdecken von Weisheit und Wahrheit keine Grenzen gesetzt. Niemand ist perfekt und weiss alles.

Jemand, der sich dem Hören öffnet, versteht auch die Kunst, aus den Worten anderer Menschen genau die Worte herauszuhören, die wahr sind und Weisheit enthalten.

Abb. 8a

Amulett in der Form eines Herzens. Auffallend ist, dass auf diesem Herz die Hieroglyphe für ‘Geburt’ steht. Louvre, Paris. (Photo: Corina Zuiderduin)

Verbinden

Hören bedeutete auch sich mit anderen verbinden. Es  lag nach den Ägyptern in der Natur beschlossen, dass die Wesen einander unterstützen. Begriff, Freundschaft und aufmerksam einander zuhören waren deshalb wichtig. „Hören kreiert Wohlwollen“, sagt Ptahotep. „Gutes Hören tut dem Herzen gut.“

Hören ist, nach Ptahhotep, eng mit dem Sprechen verbunden. Zu wissen, wann und wie etwas zu sagen, ist eine Kunst, die gelernt sein will. Man braucht nicht immer etwas zu sagen. Manchmal ist es genug oder, in gewissen anderen Fällen besser, nur Vorbild zu sein.

Vor allem bedeutet hören, sich auf das Herz zu konzentrieren, das spricht ohne Worte zu gebrauchen. Hören, sagt Ptahhotep, hängt mit Liebe zusammen. „Liebe führt dazu, Vervollständigung zu erreichen, wenn das Hören und das Sprechen gut ist“, sagt er. „Und das Sprechen ist gut, wenn das Hören gut ist“, setzt er fort. „Das Hören ist besser als alles andere.“

Wer hört, bildet einen Kanal der Inspiration für seine Mitmenschen, der vom Herzen ausgeht. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Hieroglyphe für das Wort „Kanal“ und für das Wort „Liebe“ dieselbe ist.

Abb. 8b

Hieroglyphe für ‘Geburt’ oder ‘geboren werden’.

Abb. 10
Die ägyptische Hieroglyphe für ,Kanal‘. Es ist ein Zeichen für den Klang ‚mr‘ (mer).
Dieselbe Hieroglyphe bedeutet auch ‚Liebe‘.
Abb. 11
Schreiber. Louvre, Paris. (Photo: Corina Zuiderduin)